Freitag, der 30. Juli 2010
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"Wir wollen um viertel vor eins dort sein! Ich weiß nicht, wann wir da losfahren müssen. Das wissen Sie sicher besser." - "Gut, also um zwölf. Wenn das ausreicht?!" - "Ja, Rehbein, Doktor Rehbein, Amselweg vier." - "Danke, das ist sehr aufmerksam. Auf Wiederhören."
Leise sprach der Mann die letzten Worte. Er legte den Hörer langsam und ohne hinzusehen zurück auf die Gabel. Die Wendelschnur, auf deren makelloses Aussehen er gewöhnlich mit Akribie achtete, lag eingeklemmt zwischen Telefonbüchern und dem Apparat auf dem Vertiko. Sein Blick war starr auf das Fenster gerichtet, vor dem er wie angewurzelt und steif stand. Der maßgeschneiderte schwarze Anzug vermochte ihm nicht die Eleganz zu verleihen, die ihn sein Leben lang begleitet hatte. Seit einer Woche schlurfte er mit hängenden Schultern durch das Haus. Rastlos schlich er umher. Der Mut und der Tatendrang, mit denen er während seines Arbeitslebens von Erfolg zu Erfolg getragen wurde, waren plötzlich Selbstzweifeln und Teilnahmslosigkeit gewichen. Niederlagen waren ihm bisher fremd gewesen, und jetzt, mit über sechs Jahrzehnten Lebenserfahrung sah er sich ihnen hilflos ausgeliefert. Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Mit den Fingerspitzen drückte er an die Schläfen. Schließlich vergrub er, tief atmend, sein Gesicht in den Handflächen.
"Matthias. - Matthias!" Zaghaft, fast ängstlich hörte er seinen Namen rufen. Er rieb die Augen und drehte sich um. Seine Frau hatte die Tür zum Wohnzimmer halb geöffnet und schaute herein. Ihr Blick war vor ihn auf den Boden gerichtet. "Ich habe Dir Deine Schuhe rausgestellt." Sagte sie tonlos und trat in den Raum. Der Mann ging zu ihr und nahm sie in den Arm. Auch er vermied es, in ihre Augen zu blicken. Er drückte sie fest an sich. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. "Hast Du das Taxi bestellt?" - "Ja, um zwölf will es hier sein. Der Fahrer klingelt." Er streckte seinen Arm aus, um auf seine Uhr sehen zu können. "In einer halben Stunde." Sie löste sich sanft aus seiner Umarmung und beide schauten sich jetzt stumm an. Über vierzig Jahre gingen sie nun schon als Paar durchs Leben. Von Trennung war manchmal die Rede gewesen, aber an Scheidung hatte keiner je ernsthaft gedacht. Letztlich hatte die Vernunft immer die Oberhand behalten. Die Einsicht, dass ihre Ehe der Garant ihres Wohlstandes war, kam zum Glück nie zu spät. In diesem Augenblick spürten sie hautnah, wie sehr sie einander brauchten. Sie fasste die Hand ihres Gatten und drückte sie. "Ich beeil' mich." Sagte sie und wollte sich abwenden, doch ihr Mann hielt sie zurück. "Marianne, …?!" Obwohl sie müde und erschöpft war, bemühte sich Marianne zu lächeln. "Das schaffen wir." Dann öffnete sie die Tür und ging aus dem Zimmer.
Eine Weile stand er unschlüssig da. Schließlich verließ auch er den Raum, um im Gang die bereitgestellten Schuhe anzuziehen. Er kämmte sich und strich mit der Kleiderbürste kurz über seine Schultern. Dabei fiel ihm ein, dass er noch Geld für das Taxi einstecken müsse. Er überlegte, welcher Schein dem Fahrpreis plus einem Trinkgeld entsprechen würde und begab sich zum Schlafzimmer. Dort angekommen wusste er zunächst nicht, wo er die Kassette mit dem Bargeld finden würde. Woher auch? Solange er mit Marianne zusammen war, hatte er sich nie um häusliche Dinge kümmern müssen. Er konnte sich stets seiner beruflichen Karriere widmen und hatte es schließlich zum Abteilungsleiter im Forschungsinstitut gebracht. Während er seine Doktorarbeit schrieb oder später tage- und nächtelang im Labor verbrachte, um Geschmacksverstärker für Speiseeis zu entwickeln, regelte sie alles. Selbst der Bau des gemeinsamen Hauses war allein von Marianne organisiert worden. Auch die Erziehung der Kinder: Eines Tages teilte ihm sein Ältester mit, dass er heiraten wolle. "… und Du wirst Großvater." Mit einemmal wurde ihm bewusst, was er doch alles verpasst hatte. Rehbein musste ausbrechen und sein Leben ändern. Ihm war klar, dass er ein miserabler Vater gewesen war. Doch um seinem Enkel ein guter Großvater zu sein, dafür war es noch nicht zu spät. Und seit den zwei Jahren als Pensionär konnte er guten Gewissens behaupten, dass er einer der besten war. Rehbein ging zum Nachtschrank seiner Frau, zog die oberste Schublade heraus und - fand die Kassette.
Der Taxifahrer fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, als er zu jenem kleinen Ort am Rande der Stadt unterwegs war. Fahrten zu Beerdigungen waren ihm eine unangenehme Sache. Er war jung und der Umgang mit Leuten, die um einen nahen Verwandten trauerten, fiel ihm schwer. Nun stand er vor dem Haus und drückte etwas zaghaft auf den Klingelknopf. Die Tür wurde prompt geöffnet. Im Halbdunkel erkannte er eine Dame mittleren Alters. "Guten Tag, mein Name ist Blaschke. Sie hatten eine Taxe bestellt?" - "Ja. Das ist schön, dass Sie da sind. Mein Gatte ist gleich soweit. Wenn Sie sich noch einen Moment gedulden. Aber kommen Sie doch herein." Blaschke trat ein. Im Haus war es angenehm kühl. "Bitte setzen Sie sich." sagte Frau Rehbein und bot ihm einen Platz auf einen der Korbsessel an, die in der Diele standen. "Ich hole meinen Mann." Dann stieg sie die Treppe hinauf in das Obergeschoss. Blaschke setzte sich und schaute sich um. Seine Augen hatten sich inzwischen an das Dunkel gewöhnt. An den Wänden hingen Bilder. Landschaften und Porträts. Er konnte nicht allzu viel damit anfangen und ließ seinen Blick weiter schweifen. Plötzlich ein Schrei. "Matthias!" Und dann: "Kommen Sie schnell!" Blaschke stürzte hinauf in die erste Etage. Er rannte zu der Tür, die am Ende des Ganges offen stand. Frau Rehbein kam ihm entgegen. Ihr Blick war leer. Wortlos wies sie auf das Bett, auf dem ihr Mann mit schmerzentstelltem Gesicht lag. Seine Rechte hatte er ans Herz gedrückt. Der Taxichauffeur trat zu ihm und fühlte den Puls. Nichts. Rehbein war tot. Eine Fotografie, die heruntergefallen war, lag neben dem Bett auf dem Boden. Blaschke hob sie auf. Ein kleiner Junge saß auf dem Schoß seines Großvaters und beide strahlten vor Glück.


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